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"Anschluß" und Ausschluss 1938 - Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien

  

 

Forschungsprojekt

Das Forschungsprojekt "Bildungsbiografien und Wissenstransfers | Studierende der Universität Wien vor und nach 1938" wurde im Zeitraum November 2004 bis September 2007 von Herbert Posch, Doris Ingrisch und Gert Dressel unter der Leitung von Friedrich Stadler durchgeführt,
gefördert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank
als Kooperation von

Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und
Institut für Hochschulforschung der Universität Klagenfurt.

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Themenstellung | Fokus | Ergebnisse

1938: Vertreibung der Studierenden von der Uni Wien     

Herbert Posch


Bundespräsident Kurt Waldheim, der erste Ordinarius für Zeitgeschichte in Wien Ludwig Jedlicka und der Ordinarius für Germanistik an der Stanford University Walter Sokel haben eines gemeinsam: Sie alle waren 1938 Studenten der Universität Wien. Zumindest bis zum 12. März 1938.                                                  

Das Projekt zeigt, wie sich die Lebensgeschichten der Studierenden nach dem "Anschluss" unterschieden haben und wie die Juden und Jüdinnen schrittweise von der Uni vertrieben wurden.

 
"Anschluß" und Ausschluss

Mit dem "Anschluß" ans Deutsche Reich wird auch die Universität Wien, die größte Hochschule Österreichs, radikal und in kürzester Zeit zu einer nationalsozialistischen Institution umgestaltet.

Jüdische ProfessorInnen, DozentInnen, wie auch die zahlenmäßig größte Gruppe der Universität Wien, die Studierenden, wurden vertrieben. Von letzteren wusste man bislang nur wenig.

Von den 9.180 Studierenden der Universität im Wintersemester 1937/38 verlassen 1938 42 Prozent die Universität - allerdings 23 Prozent nicht freiwillig. 2.230 Studierende werden als Jüdinnen und Juden vertrieben. Den meisten gelang die Flucht, doch über 90 von ihnen wurden später im Zuge der Shoah ermordet.

Vertreibung in Wien besonders rasch                    

Die Vertreibung ging rasch und reibungslos vonstatten. Sie verlief nach dem gleichen Muster wie zuvor in Deutschland, nur wesentlich schneller.

Was dort zum Teil sechs Jahre gedauert hatte, wurde in Wien nach dem "Anschluß" in wenigen Monaten und unter reger Beteiligung der NS-nahen Studierenden, Beamten und Professoren umgesetzt.

Es war eine Machtübernahme von unten, von oben, von innen und von außen - "Selbstgleichschaltung" und "Gleichschaltung" durch die neuen Machthaber gingen Hand in Hand und ergänzten einander.

Keine Inskription mehr für Juden

Am 29. März wurde verfügt, dass bei der Inskription eidesstattlich zu erklären sei, dass man kein Jude ist, bzw. dass jüdische Studierende nicht mehr inskribieren durften. Bereits vorgenommene Inskriptionen wurden aufgehoben.

Jüdische Studierende wurden auch nicht mehr zu Abschlussprüfungen und Promotionen zugelassen.

Am 23. April wurde ein Numerus clausus von zwei Prozent für jüdische Studierende eingeführt (ein Zehntel der bisherigen Anzahl). Die Namen der jüdischen Studierenden wurden von der Universität an die Gestapo weitergeleitet mit dem Ersuchen, dort zu überprüfen, ob nicht "einzelne in Haft genommen werden sollten".            

Endgültiges Aus im Herbst              

Am 24. April wurde jüdischen Studierenden das Betreten der Universität verboten. Im Juni und Oktober wurden einige wenige jüdische Studierende unter demütigenden Rahmenbedingungen noch zu "Nichtarierpromotionen" zugelassen – bevor ihnen schließlich im Herbst 1938 Studium und Promotion generell verboten wurde.

Zahlreiche jüdische AbsolventInnen wurden eines Doktorates für "unwürdig" erklärt; es wurde ihnen rückwirkend aberkannt.               

60 ehemalige Studierende interviewt                    

Im Zuge eines Forschungsprojektes am Wiener Institut für Zeitgeschichte habe ich - gemeinsam mit Doris Ingrisch und Gert Dressel unter Leitung von Friedrich Stadler - in den Akten des Universitätsarchivs recherchiert, um Zahl und Namen der Betroffenen zu erheben.

Zugleich wurde versucht, mit möglichst vielen noch lebenden Studierenden von 1938, Vertriebenen wie Verbliebenen, in Kontakt zu treten. Es wurden fast 60 ehemalige Studierende, die heute in Österreich, Großbritannien, den USA, der Schweiz oder in Israel leben, interviewt.                                                                                     

Einschnitte in Lebenslauf               

Die bewegenden lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Betroffenen verdeutlichen, welchen Einschnitt diese "Rassenpolitik" für den weiteren Lebensverlauf bedeuten konnte – ein damaliger Jusstudent wurde später Bäcker, eine ambitionierte Medizinstudentin wechselte ins literarische Fach.

Eine damalige Germanistik- und Pädagogikstudentin, die erst in den Märztagen des Jahres 1938 über ihre jüdische Herkunft erfuhr, emigrierte nach England, verdiente sich dort als Kindermädchen ihren Lebensunterhalt und konnte erst viele Jahre nach ihrer Rückkehr nach Österreich im Kulturbereich eine Anstellung finden.

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Namen der vertriebenen Studierenden

Die Universität unter Rektor Georg Winckler unterstützte die Bemühungen, dieses lange vernachlässigte Thema aufzuarbeiten. So konnten nicht bloß die Zahlen, sondern großteils auch die Namen der vertriebenen Studierenden festgestellt werden, die nunmehr Bestandteil der kollektiven Erinnerung der Universität werden sollten. Ein Ergebnis des Projekts ist daher eine Liste mit 1.570 Namen vertriebener Studierender - von 660 weiteren waren die Namen bislang nicht bekannt.
Zu den Kurzbiografien der vertriebenen Studierenden vgl. Posch/Ingrisch/Dressel, "Anschluß" und Ausschluss 1938, Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien. Wien/Münster 2008, 351-505.

Dank weiterer Recherchen waren bis 2015 knapp 1.800 Namen vertriebener Studierender bekannt. Diese sind im "Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938" erfasst.

Als einen Schritt dazu sprach zum 70. Jahrestag des 'Anschlusses' – gleichzeitig 643. Gründungstag der Universität Wien – Walter H. Sokel, einer der Betroffenen, über seine Erfahrungen an der Universität Wien 1937/38.

>> Vortrag anhören (Audiostream)

Ein Beispiel: Vom Laufburschen zum Kafka-Experten

Walter Sokel, 1917 in Wien geboren, war zu Beginn des Jahres 1938 noch ein engagierter Student der Romanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Nach dem "Anschluß" gelang es ihm, über Italien und die Schweiz in die USA zu fliehen.

Er verdingte sich zunächst als Laufbursche an der Wall Street, erhielt dann aber dank eines Empfehlungsschreibens von Thomas Mann ein Stipendium und konnte Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University studieren. Als international renommierter Kafka-Experte lehrte er schließlich an zahlreichen amerikanischen und europäischen Universitäten.               

1938 als unverhoffte "Chance"                   

Das ist es auch, was Walter Sokel von den eingangs mit ihm genannten Personen unterscheidet: Sie konnten ihr Studium auch im Nationalsozialismus fortsetzen und ihre geplanten Bildungswege zu erfolgreichen Karrieren weiterführen - er wurde daran gewaltsam gehindert.

Dass er sie trotzdem in der Emigration realisieren konnte, ist kein Verdienst der Universität Wien, im Gegenteil.

Ohne Groll blickt er heute auf die Ereignisse des Jahres 1938 zurück. In der ihm eigenen humoristischen Art resümiert er: "1938 hat mich dazu gezwungen, das zu tun, was ich wollte" - nämlich Wien zu verlassen.

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Medienecho

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Buchpräsentation und Vortrag Walter H. Sokel

Buchcover Anschluß und Ausschluss 1938. Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien
Buchcover "'Anschluß' und Ausschluss 1938. Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien

12. März 2008, 18:30 Uhr
Kleiner Festsaal der Universität Wien
Wien 1., Dr.-Karl-Lueger-Ring 1

im Rahmen des dies academicus

 

Buchpräsentation Herbert Posch, Doris Ingrisch, Gert Dressel: "Anschluß" und Ausschluss 1938. Vertriebene und verbliebene Studierende der Universität Wien.

Vortrag von Commonwealth Professor Em. Walter H. Sokel, University of Virginia
(1938 als Student von der Universität Wien vertrieben)
"Das provisorische Dasein: 1936-38. Universität, Roman und Flucht"
>> Vortrag anhören (Audiostream)


Es sprechen:
- Georg Winckler, Rektor der Universität Wien
- Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien
- die AutorInnen Gert Dressel, Doris Ingrisch und Herbert Posch
- Walter H. Sokel, Professor Emeritus der University of Virginia

anschließend Umtrunk

Zum Buch:

März 1938: Mit dem "Anschluß" ans Deutsche Reich wird auch die Universität Wien, die größte Hochschule Österreichs, radikal und in kürzester Zeit zu einer nationalsozialistischen Institution umgestaltet. Betroffen davon waren vor allem die vielen Studierenden, die nach den "Nürnberger Rassengesetzen" als Jüdinnen und Juden galten. Innerhalb nur weniger Wochen wurden sie vom weiteren Studium ausgeschlossen. Im vorgestellten Buch wird auf Basis umfangreichen Archivmaterials die Universitätspolitik des Ausschlusses rekonstruiert. Anhand statistischer Auswertungen werden die Studierenden der Universität Wien von 1938 als soziale Gruppe beschrieben. Darüber hinaus werden auf Grundlage lebensgeschichtlicher Interviews und anderer Selbstzeugnisse die Bildungs- und Berufsbiografien von vertriebenen wie verbliebenen Studierenden des Jahres 1938 exemplarisch nachgezeichnet.

zu Walter H. Sokel

Univ.-Prof.em.Dr., geb. 1917 in Wien, maturierte hier 1936 und studierte bis März 1938 an der Universität Wien Romanistik. Er flüchtete über Italien und die Schweiz 1939 in die USA. Er konnte dank eines Stipendiums zuerst Philosophie und Geschichte studieren, seine Studien dann an der Columbia University in Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaften fortsetzen und schloss 1953 mit einer Dissertation über den literarischen Expressionismus und einem Ph.D. ab. Seit 1946 hatte er bereits an diversen Universitäten gelehrt. Als Ordinarius war er ab 1964 an der Stanford University als renommierter Kafka-Experte tätig. Schließlich fungierte er bis zu seiner Emeritierung 1994 als Commonwealth Professor für Germanistik und Anglistik an der University of Virginia.

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Rückbindung an heutige Studierende | Akademische Lehre

  • "Universität Wien 1945-1955" | Friedrich STADLER, Herbert POSCH | Forschungsseminar am Inst. f. Zeitgeschichte der Universität Wien | WiSe 2005/06, SoSe 2006
  • "Wissenschaft und Gender Realität und Utopie" | Dorisch INGRISCH, Michaela GINDL | Seminar, IFF/Universität Klagenfurt in Wien | WiSe 2005/06, SoSe 2006
  • "Studierende der Universität Wien 1945-1955" | Herbert POSCH gem. m. Maria MESNER | Block der Ringvorlesung "Universität Wien 1945-1955" an der Universität Wien | WiSe 2005/06
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Workshops Wissenschaftsgeschichte

  • "Vom Interview zum Text | Oralhistory in der Exilforschung"
    Workshop mit Steve Hochstadt/USA
    21. Juni 2007 am Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung/IFF, Universität Klagenfurt in Wien

Austausch und Koordination zwischen den aktuellen Projekten im Bereich der Wissenschafts-, Universitäts- und Disziplinengeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Wien:

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Publikationen

  

  • Herbert Posch, Vertreibung der Studierenden der Universität Wien 1938, in: Zeitgeschichte 35 (2008), 187-213
  • Doris Ingrisch u. Gert Dressel, Erleben, Erinnern und Erzählen - der März 1938 aus der Perspektive der Studierende an der Universität Wien, in: Zeitgeschichte 35 (2008), 214-229
  •  Herbert Posch, "Akademische Ausbürgerungen" an der Universität Wien. Nationalsozialistische Aberkennungen von Doktortiteln österreichischer ExilantInnen. In: Sandra Wiesinger-Stock, Erika Weinzierl, Konstantin Kaiser , Hg., Vom Weggehen. Kunst und Wissenschaft im Exil, Wien 2006, 299-320.
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MitarbeiterInnen

Friedrich Stadler
Wissenschafts- und Zeithistoriker, Professor und Vorstand am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, 2007 Universität Helsinki, Gründer und wissenschaftlicher Leiter des Instituts Wiener Kreis. Arbeitsschwerpunkte mit zahlreichen Publikationen: Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie, Exil- und Emigrationsforschung, Intellectual History sowie Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte des 20./21. Jh. Zuletzt: (Hrsg.), Österreichs Umgang mit dem Nationalsozialismus. Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Lehre. | Projektleiter
 Lebenslauf | Publikationen

Herbert Posch
Historiker und Museologe, Mitarbeiter am Institut für Hochschulforschung der Universität Klagenfurt; Mitarbeiter "Forum Geschichte der Universität Wien in der NS-Zeit und danach", Institut für Zeitgeschichte der Universitaet Wien; Univ.-Lektor; Forschungsarbeiten zu: Universität, Studierende und Nationalsozialismus; Aberkennung und Wiederverleihung akademischer Grade im 20. Jh.; Kunstrestitution, 2000 Ausstellung "inventARISIERT"
Lebenslauf | Publikationen

Doris Ingrisch
Historikerin, Forschungsarbeiten zu Wissenschaftsgeschichte, WissenschafterInnenbiografien und Emigrationsforschung; Vertreibung der Psychoanalyse im Nationalsozialismus
Lebenslauf | Publikationen 

Gert Dressel
Historiker, Forschungsarbeiten zu: Reflexive Historische Anthropologie, Biografieforschung und -arbeit, Berufsfeldorientierung von und für Kultur- und SozialwissenschaftlerInnen, universitäre Kommunikationskultur
Projektmitarbeit 2006 bis 2007
Lebenslauf | Publikationen 

Werner Lausecker
Historiker, Forschungsarbeiten zu: Geschichtswissenschaften im/nach dem Nationalsozialismus; Vertreibung der Studierenden der Universität Wien 1938. Projektmitarbeit Februar bis September 2007

 

 

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