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Aberkennung und Wiederverleihung akademischer Grade im 20. Jahrhundert

  

Aberkennungen und "Wiederverleihungen" im 20. Jh.

Aberkennungen akademische Grade Uni Wien 1845-2005
Aberkennungen akademische Grade Uni Wien 1845-2005, (c) Herbert Posch
Abstand zwischen Aberkennung und Wiederverleihung nach Aberkennungsgrund, (c) Herbert Posch

 
Das Projekt "Akademische ‚Würde’ | Aberkennungen und Wiederverleihungen akademischer Grade an der Universität Wien" beschäftigt sich mit den Aberkennungen und Wiederverleihungen akademischer Grade an der Universität Wien zwischen 1845 und 2005.
Dem Dissertationsprojekt (Herbert Posch) vorausgegangen ist die Aufarbeitung und "Nichtigerklärung von Aberkennungen" aus der NS-Zeit 2003/04, 2004 ein halbjähriges Forschungsprojekt (finanziert vom Rektorat, Leitung: Friedrich Stadler).

Fokus und Zugänge

Es werden die Prozesse der Aberkennungen akademischer Grade aus "rassischen", "politischen" und "strafrechtlichen" Gründen an der Universität Wien aufgearbeitet – auch allfällige Wiederverleihungen. Der Fokus dabei ist die Aberkennung akademischer Grade im Nationalsozialismus sowie die aktive und passive Haltung der Universität Wien bei den – allfälligen – Wiederverleihungen der Doktorate nach 1945.
Die Aufarbeitung der Entwicklung seit 1848 bis 2005 runden das Bild ab.

Kontext

Kontext ist die Auseinandersetzung der Universität Wien mit ihrer Vergangenheit in der NS-Zeit. Im Konkreten geht es hier um den systematischen und vollständigen Ausschluss ihrer jüdischen und politisch verfolgten AbsolventInnen durch die Aberkennung ihrer akademischen Titel – sie wurden nachträglich der Führung "eines akademischen Grades unwürdig" erklärt, ihr Doktorat aberkannt. Infolge eines Senatsbeschlusses vom  April 2003 sind "generell sämtliche Aberkennungen von akademischen Graden durch die Universität Wien aus politischen Gründen zur Zeit des Nationalsozialismus für nichtig zu erklären."

Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im März 2004 wurden 31 NS-Aberkennungen für nichtig erklärt (u.a. Bruno Bettelheim, Albert Fuchs, Alphonse Rothschild und Stefan Zweig). Nun werden systematisch die Fragen der Titelaberkennungen im NS untersucht und der Umfang sowie die Namen der Betroffenen erhoben, die bislang unbekannt waren (u.a. traf dies auch Prof. Albert Ehren­zweig, Martin Buber, Justizminister Josef Gerö, Richard Coudenhove-Kalergi, Egon Wellesz, … sowie zahlreiche Personen die nicht im öffentlichen Leben standen). Es werden aber auch die Aberkennungen infolge von Vergehen nach dem Nationalsozialistengesetz und dem Kriegsverbrechergesetz nach 1945 bearbeitet.

Weiters wird vergleichend der Umgang der Universität nach 1945 – Aberkennung, Wiederverleihung oder deren Verweigerung – gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus und der Gruppe der verurteilten NationalsozialistInnen bearbeitet (u.a. fallen in diese Gruppe Viktor Capesius, Heinrich Gross, Siegfried Seidl, Tobias Portschy, …).

In einem dritten Zeitfenster werden die Aberkennungen bis in die 1980er Jahre bearbeitet. Der Verlust akademischer Grade als Rechtsfolge strafrechtlicher Verurteilungen wurde erst mit der Strafrechtsreform 1971/73 aufgehoben und manche Verfahren zogen sich noch bis in die 1990er Jahre hin.

Ein Ziel der Arbeit ist es, die akademische Ehre und Würde der nach heutigem Rechtsempfinden zu Unrecht betroffenen AkademikerInnen wieder herzustellen und diese – großteils zumindest posthum – zu rehabilitieren.

Quellenbestände

Vorrangig wurden die Quellenbestände im Archiv der Universität Wien und der Promotionskanzlei erstmals umfassend ausgewertet: die Promotions- und Sponsionsprotokolle aller Fakultäten von 1870-1985 (Promotionseinträge und An­mer­kungen), die Indizes der Rektoratsakten 1938-1985 unter mehreren relevanten Stich­worten, die entsprechen­den Akten der Senats-Sonderreihen (1938-1984), sowie zahlreiche Einzelakten.
Weiters werden die Ausbürgerungslisten im Deutschen Reichsanzeiger systematisch durchgearbeitet, die jeweils am Anfang der "rassisch" motivierten Titel-Aberkennungen standen. Biografische Recherche zu den einzelnen Personen können im gegebenen Zeitrahmen nicht bzw. nur vereinzelt erfolgen.

__Abstract

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32 NS-Aberkennungen recherchiert und für nichtig erklärt

 

Im Rahmen einer gemeinsamen Zeremonie mit der Medizinischen Universität wurden am 31. März 2004 im Kleinen Festsaal die Aberkennungen von akademischen Titeln während der NS-Zeit aus "rassischen", politischen oder damaligen strafrechtlichen Gründen für nichtig erklärt. Zwar wurden 1955 181 Personen rehabilitiert, doch mindestens 32 Personen waren "vergessen" worden.

200 AbsolventInnen der Universität Wien wurden während der NS-Herrschaft ihre akademischen Titel aus so genannten "rassischen", politischen, aus damaliger Sicht strafrechtlichen Gründen oder infolge des Verlustes der Staatsbürgerschaft aberkannt – sie waren in den Augen der Nationalsozialisten"... eines akademischen Grades unwürdig", wie es im Reichsgesetzblatt vom 7. Juni 1939 hieß.

Wiederverleihung 1955

Vielen der 200 Betroffenen wurden nach 1945 die zu Unrecht aberkannten Doktorate wieder verliehen, indem gleich nach Ende des Zweiten Weltkrieges gesetzliche Grundlagen für die Wiederverleihung "zu Unrecht aberkannter Doktorate" geschaffen wurden. Bis auf wenige positiv erledigte Einzelanträge passierte aber vorerst zehn Jahre nichts. Erst 1955 beschloss der Senat der Universität Wien die Wiederverleihung der zu Unrecht aberkannten Titel für insgesamt 181 Personen.

Neue Liste mit 32 Namen im Uni-Archiv entdeckt

Doch es gab mehr Fälle von Aberkennungen – sie wurden bei dieser Wiederverleihung nicht berücksichtigt, wie eine im Jahr 2002 bei Recherchen im Universitätsarchiv zufällig entdeckte und bisher unbekannte Liste vom 28. Juni 1941 mit weiteren 32 Namen belegt. Darunter finden sich prominente vertriebene AbsolventInnen der Universität Wien wie der Schriftsteller Stefan Zweig und der Kinderpsychologe und Psychoanalytiker Bruno Bettelheim (beide Dr. phil.), Alfons Rothschild oder der Jurist und Historiker Albert Fuchs. In der Gedenkveranstaltung am 31. März will die Universität Wien nun diese Aberkennung des akademischen Grades für nichtig erklären.

Recherchen im zeithistorischen Forschungsseminar

Bei der neu entdeckten Liste erfolgten die 32 Aberkennungen "wegen Entzugs der deutschen Staatsangehörigkeit" oder wegen "Kerkerstrafen". Bei 31 davon haben ZeithistorikerInnen eine Rehabilitierung empfohlen, da es sich um Akte des Widerstands, die heute nicht mehr geahndet würden, bzw. Handlungen, die heute nicht mehr strafrechtlich relevant sind, wie etwa Homosexualität oder Abtreibung handelte.

Prof. Friedrich Stadler, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte, und Mag. Herbert Posch recherchierten gemeinsam im Rahmen mit Studierenden eines Forschungsseminars jeden einzelnen Fall. Bei der Gedenkveranstaltung werden die aus den Recherchen der Studierenden vorliegenden Materialien zu den 32 betroffenen Personen präsentiert.

Mitverantwortung der Universität Wien

Die Gedenkveranstaltung soll neben der Präsentation der vorläufigen Forschungsergebnisse auch nach außen diese längst fällige symbolische "Wiedergutmachung" dokumentieren. "Die heutige Universität Wien bekennt sich ohne Einschränkung zur Mitschuld und Mitverantwortung an diesem inhumanen, unrechtmäßigen und unwürdigen Akt in der NS-Zeit", heißt es in der Einladung zur Gedenkveranstaltung. Der Senat hat deshalb am 10. April 2003 beschlossen, "generell sämtliche Aberkennungen von akademischen Graden durch die Universität Wien aus politischen Gründen zur Zeit des Nationalsozialismus für nichtig zu erklären und einen entsprechenden Vermerk in den Promotionsprotokollen der Universität Wien vorzunehmen." Damit solle "die akademische Ehre all jener AkademikerInnen auch stellvertretend für noch nicht rehabilitierte Personen wiederhergestellt werden", die im Aufhebungsbeschluss von 1941 genannt seien.

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Programm der Gedenkveranstaltung am 31. März 2004

Gedenkveranstaltung
Wolfgang Schütz, Jörg Hoyer
Herbert Posch, Friedrich Stadler, Elisabeth Fritsch, Thomas König
Ausstellung

anlässlich der Nichtigerklärung von Aberkennungen akademischer Grade zur Zeit des Nationalsozialismus an der Universität Wien imKleinen Festsaal der Universität Wien

 

Begrüßung und Ansprachen

  • Univ.-Prof. Dr. Georg Winckler (Rektor der Universität Wien)
  • Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schütz (Rektor der Medizinischen Universität Wien)
  • Ao. Univ.-Prof. Dr. Jörg Hoyer (Vorsitzender des Senats nach UOG '93)

Berichte und Recherchen

im Rahmen des Forschungsseminars "Vertreibung der Studierenden der Universität Wien” am Institut für Zeitgeschichte durch

  • Ao. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Stadler (Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte)
  • Mag. Herbert Posch (IFF - Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, Lektor am Institut für Zeitgeschichte)
  • Mag. Dr. Elisabeth Fritsch, Mag. Thomas König (Forschungsseminar-TeilnehmerInnen)

Anschließend informelle Gespräche und Diskussion mit den Leitern und TeilnehmerInnen des Forschungsseminars anhand vorliegender Materialien.

 

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Publikationen und Vorträge

 

Publikation:
Herbert Posch u. Friedrich Stadler (Hg.): "... eines akademischen Grades unwürdig". Nichtigerklärung von Aberkennungen akademischer Grade zur Zeit des Nationalsozialismus an der Universität Wien. Wien 2005

Erweiterte Dokumentation der gleichnamigen Gedenkveranstaltung anlässlich der Nichtigerklärung von Aberkennungen akademischer Grade zur Zeit des Nationalsozialismus an der Universität Wien vom 31. März 2004 |

Redaktion: Sandra Föger | Elisabeth Fritsch | Katharina Kniefacz | Ferdinand Pay | Ferdinand Redl

 

- Inhaltsverzeichnis und
- Auszüge aus der Publikation unter Literatur

 


Publikation:
Herbert Posch: "Akademische Würde" Aberkennungen und Wiederverleihungen akademischer Grade an der Universität Wien im 19. und 20. Jahrhundert. phil.Diss.Univ.Wien

Aufarbeitung der Aberkennungen von Wiederverleihungen und Aberkennungen akademischer Grade der Opfer des Nationalsozialismus, aber auch jener, die nach 1945 nach dem NS-Verbotsgesetz bzw. Kriegsverbrechergesetz verurteilt wurden, sowie insgesamt auch der Aberkennungen und Wiederverleihungen nach strafrechtlichen Verurteilungen zwischen 1848 und 1975.


Publikation:
Herbert Posch: "Akademische Ausbürgerungen" an der Universität Wien. Nationalsozialistische Aberkennungen von Doktortiteln österreichischer ExilantInnen.
In: Sandra Wiesinger-Stock, Erika Weinzierl, Konstantin Kaiser,  Hg., Vom Weggehen. Kunst und Wissenschaft im Exil, Wien 2006, 299–321.


Vortrag
Herbert Posch | "Die akademische Würde ist relativ ... – Entzug und Wiederverleihung akademischer Grade in der NS-Zeit und in der II. Republik"
Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe der
Österreichischen Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte
20. Jänner 2005 | Archiv der Universität Wien


Vortrag
Herbert Posch | "Akademische Ausbürgerungen" an der Universität Wien. Nationalsozialistische Aberkennungen von Doktortiteln österreichischer ExilantInnen.
Vortrag im Rahmen des Symposions "Brüche & Brücken – Exilforschung heute", veranstaltet von der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und dem Verein für Geschichte und Gesellschaft
28. Oktober 2004 | Aula am Campus der Universität Wien

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Medienecho Gedenkveranstaltung 2004

 

Pressespiegel

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